Die Läden meiner Kindheit


Die Fjonka schickte heute einen Bericht über die Läden ihrer Kindheit. Als ich feststellte, dass mein Kommentar zu lang würde, beschloss ich, hier zu schreiben.

In den 60ern wurden tatsächlich noch Brötchen, frische Milch und EIS auf den Flohberg gebracht. Ich meine, mich auch an einen Gemüsewagen zu erinnern.

Wenn der Eismann bimmelte, rannten alle Pänz vom Flohberg aus allen Richtungen zusammen. Nur die kleine Birgit rief öfter mal: „Ich will kein Eis!“ Ich war etwas aus der Art geschlagen und nicht wirklich für süßes zu begeistern. Später wurde dieser Service eingestellt.

Zum Einkaufen mussten wir ins Dorf, also etwas mehr als einen Kilometer zu Fuß oder mit dem Rad nach Rath. Außer für Eier, die gab es bei der Hühnerfarm gegenüber.

Erstmal kam nix, also Feld, dann Baracken, die gibt es immer noch. Was heute aussieht wie Kleingärten, da lebten früher in den ehemaligen Wehrmachtsbaracken Familien mit vielen Kindern. Einige sehen immer noch bewohnt aus.

Auf halber Strecke nach Rath: Der Milchmann. Ein kühler, gekachelter Raum, eine Theke und die Milch oder Butter wurde aus dem Nebenraum geholt. Auf die Flaschen gab es Pfand.

Dann kam ein kleiner Laden: „Schnell“ Da durfte ich aber nur schnell was holen, wenn meine Mutter etwas vergessen hatte. „Zu teuer!“ Außerdem arbeitete der Rest der Familie im Konsum, später Co-Op. Der stand im Zentrum von Rath, in dem Geschäft ist jetzt ein DM. Aber so weit sind wir noch nicht.

Erstmal kam wieder nix, also Feld, Dann die Aral-Tankstelle, an der mein Opa den hellblauen Käfer immer auftankte, wenn der Tank halb leer war. Sehr viel später rächte sich das, wenn ich mit dem geerbten hellblauen Käfer Nr. 6 mal etwas weiter fahren wollte und die Tanknadel zuverlässig auf halbvoll hängen blieb. Damals wurde noch bedient: betankt, Luft gepumpt, Scheiben gewischt, fertig. Manchmal gab es kleine, polierte „Edelsteine“ zum sammeln.

Dann kam erstmal wieder nix, also ein paar Häuser.

Den Bäcker meiner Kindheit gibt es noch: Lauten. Dort gibt es immer noch die besten Brötchen der Welt. Aber als ich ganz klein war, war an der Stelle noch kein Bäcker, sondern in Rath.

So und jetzt nähern wir uns endlich Rath-City. Rösrather Straße, Ecke Eiler Straße. Die Post ist weg, Briefkästen stehen da noch.

Wie bereits erwähnt, war einkaufen im Konsum Pflichtprogramm, weil mein Opa dort gearbeitet hat, meine Oma an der Kasse saß und mein Vater als Elektriker für den Konsum, später Co op, gearbeitet hat.

An der Rösrather Straße rechts gab es noch einen Bäcker und einen Metzger, der mir als Kind immer ein Stück Flönz (angeräucherte Blutwurst) zusteckte. „Die esse ich zu Hause, da muss Senf drauf“ Jaja, die kleine Birgit mal wieder…

An dieser Stelle muss ich mal abschweifen und auf eine der Merkwürdigkeiten der späten 60er und frühen 70er Jahre eingehen. Denn als aus dem Konsum Co op wurde, gehörte zum Gehalt meines Vater tatsächlich eine Wurstzulage. Jeden Freitag brachte er eine große Tüte Wurstenden mit nach Hause, die sich nicht gleichmäßig aufschneiden ließen. Und niemand, wirklich NIEMAND wäre auf die Idee gekommen, diese wertvollen Kalorien abzulehnen. Ganz im Gegenteil: Trotz des vergleichsweise geringen Gehalts war der Job begehrt, eben wegen dieser blöden Wurst, die uns als Kleinfamilie alsbald zu viel wurde. Immer wenn es neue gab, war noch welche aus der Vorwoche übrig, die ich nutzte um die bissigen Schäferhunde von der Hühnerfarm zu zähmen. Ob das wohl mit Rügenwalder Veggie-Wurst aus Eierpampe…? Ach, egal, jedenfalls mache ich um die gängigen Wurstsorten: Jagdwurst, Fleischwurst, Bierwurst, Rotwurst, Zungenwurst… bis heute einen Bogen.

Aber egal. Rath-City sieht in manchen Teilen noch aus wie früher. Der selbe Blumenladen: Boddenberg, dieselbe Apotheke, dieselben Kneipen Wessel und Burger (da wurde nach jeder Beerdigung gefeiert), ein paar Klamottenläden, Schuhgeschäft…

Dann gab es da noch Gillengerten. Schulbedarf, Spielzeug, Glanzbildchen, Schneider-Bücher, Bastelbögen, kleine Geschenke für den Kindergeburtstag, Malzeug, Bastelzeug, Zeitschriften also alles, was das Kind so braucht. Meinen ersten Füller habe ich dort erstanden und seine Zeit lang haben sie mir immer eine Zeitschrift: „Das Tier“ zurückgelegt. Immer noch befindet sich in dem Geschäft ein Spielwarenladen, nur unter anderem Namen.

Der Metzger an der Rösrather Straße ist nicht mehr dort, aber es gibt noch einen Metzger in Heumar, an der Eiler Straße, und ich habe mir fest vorgenommen, dort wieder öfter einzukaufen. Da weiß ich, dass ich keine vegetarische Eierpampe-Wurst bekomme. Leberwurst mag ich ja gelegentlich, die gab es nie in dem Care-Paket.

Wo früher hinter Schnells erstmal nix war, gab es später einen Baumarkt und heute  ein Futterhaus und einen Rewe, zu dem man mal schnell hingehen kann, wenn man was vergessen hat. So schließt sich der Kreis.

Die Läden meiner Kindheit ist ein schönes Sammelprojekt zum Stöbern.

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16 Kommentare zu “Die Läden meiner Kindheit

  1. […] – Aufruf zum Erzählprojekt – Der Karp – Frau Knauf hat immer auf Bibo – Auf Einkaufstour durch Rath Berni’s Rummel – Woast scho Careca – Der Fotoladen dergl – Lederwaren […]

  2. Danke für deine anschauliche Einkaufstour, worin mir besonders die kleine Birgit aufgefallen ist, die kein Eis wollte, und vor allem die merkwürdige Wurstzulage. Dass dein Heimatdorf nahe Köln liegt, konnte ich an „Flöns“ für Blutwurst identifizieren. Im ebenfalls erwähnten Rösrath war ich schon mal. Ein Jugendfreund hat da ein Haus gebaut.

  3. wattundmeer sagt:

    Rath-City beschreibst du, als wäre dort die Welt noch größtenteils in Ordnung. Schön!! In vielen Orten sind ja die kleinen Läden komplett verschwunden und große Ketten oder Handy-Läden eingezogen…

    • Bibo59 sagt:

      Naja, größtenteils. Die Post ist weg und momentan gibt es auch einigen Leerstand, wenn man die Rösrather Straße weiter Richtung Königsforst geht. Und irgendwie häufen sich die Wellness-Kosmetik-Studios. Wozu braucht man einen Wimpernladen? Aber ich denke mal, dass ich fast alles, was ich brauche im Dorf auch bekomme. Und die IG Rath-Heumar ist auch sehr aktiv.

  4. Eiswagen kommt hier im Sommer immer noch und Freitagsvormittag ein Wagen mit Schlesischen Wurstspezialitäten. Gemüsewagen gabs noch in der Strasse in der ich, anfangs in Duisburg, gewohnt habe. Da mein Großvater vor dem Krieg Bäcker war, fing er, nachdem er sich als Bergmann schwer am Bein verletzt hatte und mit Mitte 50 in Rente ging, das Backen wieder an. Bis zum Alter von 12/13 kannte ich eigentlich keine gekauften Brötchen/Brot
    Bei meinen Großeltern gab es auch einen Garagenkiosk in der Nachbarschaft dort konnte man die klassische Brause für einen Groschen kaufen.
    Heute versuche ich auf dem Markt zu kaufen, Eier Gemüse auch mal Käse….

  5. Marc Michalsky sagt:

    Verlink den Text doch mal in der Facebookgruppe „51107 Rath/Heumar“. Da finden sich bestimmt noch mehr interessierte Leser, die gerne mehr über ihren Heimatort erfahren würden.

  6. naliestewieder sagt:

    Da könnt ihr euch glücklich schätzen, dass soviele kleine Läden bei euch überlebt haben. Sowohl in meinem Heimatdorf als auch in meinem jetzigen Wohnort ist das anders. Ich gehe jetzt übrigens auch wieder öfter zum Fleischer einkaufen.

    • Bibo59 sagt:

      Dabei gab es auch mal einen Plaza auf der grünen Wiese, direkt neben dem Autokino, wo Samstags groß eingekauft wurde. Aber inzwischen hat sich diese Form von Autowahn ein wenig überlebt. Leider gibt es in Rath-Heumar viel mehr Autos als damals, so dass es ziemlich eng auf den Bürgersteigen ist. In der Ortsdurchfahrt ist Shared Space geplant. Da bin ich ja mal gespannt.

  7. Manuela O´Brien (Kerschgens ) sagt:

    Es gab damals viele kleine Läden in Rath und eigentlich gab es keinen wo wir Pänz nicht irgend etwas beim Einkaufen bekommen haben,beim Metzger ein dickes Stück Wurst und beim Bäcker auch oft ein Brötchen.
    In Rath / Heumar gab es damals 4 Blumenläden : Boddenberg,ein Stück weiter die Rösrather hoch Blumen Abt ( dort wo jetzt ein Modeladen ist neben Königslust ) ,noch weiter oben Blumen Sohn und in Heumar Blumen Dresen ,daneben gab es noch einen Kiosk.
    Da wo jetzt die Burg Apotheke ist,war der Gemüse / Fischladen Flöck und etwa in Höhe des Bäckers Geissler einen kileinen Fahrradreparaturladen und dort wo nun der Handyladen ist die Metzgerei Statz. Da wo nun das seismologische Büro ist war auch eine Kneipe die Zur Post hiess.Das ganze Erscheinungsbild von Rath war dörflich was ich persönlich oft vermisse,es war einfach gemütlicher und unsere Kindheit viel freier und unbekümmerter als Heut zutage

    • Bibo59 sagt:

      Stimmt. An Flöck erinnere ich mich auch.Eine Flöck war auch bei mir in der Grundschule. Statz war der Metzger mit der Flönz. Und Engels hieß der Milchmann. Und wo das Königslust ist, war ein Laden mit Kinderklamotten oder irre ich mich da? Blumen Sohn gibt es ja noch. Was ich nicht mehr kenne, verbirgt bekannte Namen: Ursula Sohn, Joachim Abt die waren bei mir in der Klasse, Armin Ossendorf, der Bäckersohn in der Parallelklasse. Eigentlich können wir aber mit Rath zufrieden sein, auch wenn sich manche Läden geändert haben. Es gibt Dörfer, da bekommst Du nicht mal mehr Lebensmittel und musst für jeden Einkauf in die nächste Stadt. Und im Vergleich zu Neubrück ist Rath doch ganz gut aufgestellt. Nur der Wochenmarkt ist besser in Neubrück.

      • Manuela O'Brien sagt:

        Der Kinderklamottenladen War später ( 80j ). Der gehörte übrigens der Schwester von Armen Ossendorf.
        Mir ist Heute auch wieder eingefallen dass wir in den 60/70 J.auch eine Drogerie und einen Farben/Tapetenladen hatten ( hieß Hamacher ),dort wo Richie Friseur und KönigsLust 2 ist bzw War.
        Am Königsforst etwa Höhe Schwalbennest gab es noch bis ca.2010? den letzten Tante Emma Laden in Rathaus

      • Bibo59 sagt:

        Dann war dort vorher auch irgendwo einer, denn 80 war ich schon zu groß. (obwohl mir Reitklamotten in 176 noch gepasst haben) Stimmt, Hamacher. Ich habe da mal Tapeten für mein Kinderzimmer ausgesucht. Da war ich aber auch schon größer.

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