Landflucht


Jetzt ist das Wetter wieder herrlich, ich war schon zweimal im Dojo und das Training fiel aus. Da hätte ich ebenso gut einen Tag Pause in Attendorn einlegen können, z.B. die Attahöhle mal wieder besuchen und dann in Ruhe die letzten beiden Abschnitte der Tour fahren. Konnte ich da ja aber nicht wissen. Immerhin ist der Rasen jetzt mal gemäht.

Damals in den 80ern in Frankreich gab es ein ganz bestimmtes Zeitfenster, in dem es etwas zu essen gab. Es gab ein Restaurant, das ein Menü servierte, mit oder ohne escargots.  Hatten wir dieses Zeitfenster verpasst, weil die Orte zu weit auseinander lagen, das erste Restaurant noch nicht offen war, das nächste schon zu, gab es die Notnudeln auf dem Spirituskocher zubereitet.
Seitdem hatte ich aber auf meinen Solotouren ohne Zeltausrüstung nie wieder Probleme mittags etwas essbares zu finden.

Und jetzt:
„Wir hatten hier mal drei Gasthöfe, aber der letzte hat jetzt auch zugemacht.“ „In Finnentrop gibt es keine Hotels mehr.“ „Hier gibt es nur noch Döner-Buden.“
Ja, Leute, wenn der einzige mit Geschäftssinn der Dönertürke oder der Pizzabäcker ist, dann ist das eben so. Und manchmal war ich froh, wenn es wenigstens Pizza, Döner oder Waffeln gab.

Die schwierige Versorgungslage schleppte sich eigentlich durch die ganze Tour. Besonders ärgerlich einen Umweg zu einem ausgeschilderten Restaurant zu fahren, das dann doch geschlossen war, obwohl es eigentlich geöffnet hätte sein sollen.

Ein Bad im Namen, wie Horn-Bad Meinberg garantiert nicht mehr, dass es auch eine Unterkunft gibt, ein schönes Renaissance Schloss ist kein Hinweis auf eine Verpflegungsmöglichkeit.

Ich bin durch wunderschöne Orte und Kleinstädte gekommen, Orte, die mir sehr viel lebenswerter vorkamen als das überfüllte, miefige Köln. Aber man merkte, dass irgend etwas fehlte. Sie wirkten teilweise wie Kulissen.

Selbst bei der Uncon in Seesen, wo es noch mehrere Hotels und Gaststätten gibt, stellte jemand fest: „Wenn man hier so durchläuft und überall sitzen Leute, die wir kennen, dann fragt man sich, wovon die eigentlich leben, wenn wir nicht hier sind.“

Es ist absurd: Da fährt man einen wunderschön touristisch ausgebauten Fernradweg entlang und kriegt nix zu futtern, weil die Gasthöfe geschlossen sind.
Und ich bin sicher, das betrifft nicht nur Gaststätten, sondern auch anderes Gewerbe. Hausärzte fehlen ja auch in ländlichen Gebieten. In NRW soll dagegen etwas getan werden.

Während dessen schreien die Medien, in Deutschland fehle es an bezahlbarem Wohnraum und Arbeitsplätzen.
Stimmt nicht, Medien. das trifft nur auf die hippen Szeneviertel in den angesagten Großstädten zu. In diesen wunderschönen Kleinstädten gäbe es ganz sicher bezahlbaren Wohnraum und mit etwas Eigeninitiative auch Arbeitsplätze, zum Beispiel in der Gastronomie.  Wenn es keine Einkehrmöglichkeit und keine Pension mehr gibt, fahren die Touristen durch, auch wenn in Fahrradtourismus investiert wurde.
Spätestens wenn es keinen Laden, keinen Metzger und keinen Bäcker mehr gibt, ist so ein Ort zum Sterben verurteilt.

Ich persönlich lege keinen übersteigerten Wert darauf, mitten in der Großstadt zu leben. Vielleicht geht es ja dem einen oder der anderen auch so, und sie überlegt sich in eine kuschelige Kleinstadt zu ziehen um sie wieder zu beleben.

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6 Kommentare zu “Landflucht

  1. Fjonka sagt:

    Die Sache mit der Gastronomie auf dem Land ist allerdings keine der Unlust. Es ist einfach so, daß es sich nicht lohnt, auf die paar Touris zu hoffen, die nicht in Fewo oder Wohnmobil lieber selbst kochen. Die Einheimischen nämlich gehen nicht mehr in die Dorfgasthöfe- oder zumindest nicht häufig genug – 1x im Monat schön essen gehen reicht da nicht, es braucht die täglichen Kneipenhocker. Oder aber man macht Billigessen in Billigabienzte- und schon sind wir beim Döner. Den kann man 1. mit wenig billigem Personal in billigen Räumen mit Billigausstattung betreiben und 2. ist das Essen billig genug, daß die Leut‘ öfter mal hingehen.
    Bei uns jedenfalls läuft es darauf hinaus, fragst Du Jemanden aus der Branche.
    Und Hotels?
    Dasselbe: sind personal- und kostenintensiv, und in Zeiten, in denen gerade Die, die es sich leisten könnten, lieber schön unabhängig sind und im teuren Wohnmobil die Straßen verstopfen, sind leere Zimmer vorprogrammiert. Da bleiben nur die „stärksten“ übrig….

    • Bibo59 sagt:

      Käme auf einen Versuch an. Mohrkirch ist ja auch nicht mal radtouristisch erschlossen. Neben dem Anker an der Weser gab es einen Womo-Platz und die Leute kamen zum Essen in den Anker. Meine Mutter hat Ferienwohnungen und Wohnwagen immer glattweg abgelehnt, mit dem Argument, dass sie ja das ganze Jahr über kochen und putzen muss und das im Urlaub nicht auch noch machen will. Und da gehe ich ausnahmsweise mit ihr konform. Aber selbst wenn ein großes Hotel sich nicht rentiert, was ich verstehe, so wundert mich doch die völlige Abwesenheit von Privatunterkünften. Ich habe im Norden (also bei Euch so rum) und vor Allem im Osten oft genug in ehemaligen Kinderzimmern geschlafen, die privat vermietet wurden. Das ist kein großes Geschäft, sondern ein Zufutter, aber ein gutes.

  2. Wenn ich – wie meistens – in der Eifel wandere, sehe ich diese Probleme auch. O.k., es gibt Linien entlang einiger Flüsse wie Ahr, Rur, Mosel, da scheint der Tourismus mehr oder weniger gut zu funktionieren. Aber woanders? Und vom Fahrrad-Tourismus leben? Was an schönen Frühlings-, Sommer- und Herbst-Wochenenden ja vielleicht noch gut funktionieren kann, ist in der langen übrigen Zeit oder gar im Winter quantitativ schwierig. Wie soll man als Gaststätte oder Hostel diese Zeiten überbrücken? Bezüglich Privatquartieren gebe ich dir recht, habe aber nicht die geringste Ahnung, wie die Situation in der Eifel ist. Aber es ist jedenfalls heutzutage viel einfacher, Privatquartiere z.B. über booking.com erfolgversprechender anzubieten, da diese dann auch vergleichsweise versteckt 1 km abseits des Fahrradweges liegen können und über diese Portale dennoch gefunden werden können.

    • Bibo59 sagt:

      Da scheint sich einiges geändert zu haben in den Jahren in denen ich tatsächlich gefangen in Köln war. Meistens bin ich ja früher die Flussstrecken gefahren. Und die wären nicht das Problem, weil Du auch noch campen kannst. Quer durch aber immerhin von Hamburg an die Müritz, von Köln nach Hamburg und auf den ganz frühen Touren in den 80ern gab es Fahrradtourismus praktisch noch gar nicht.
      Ich sage auch nicht, dass ein Hotel nur vom Fahrradtourismus überleben kann. Hotels waren auch nicht so ein Problem, da habe ich immer was gefunden. Aber das waren nicht irgendwelche Käffer. Wie ich schrieb, Horn-Bad Meinberg z.B. Kurort am Teutoburger Wald da gab es ja nicht nur Fahrradtourismus. Es gab schöne, sehenswerte Kleinstädte mit nur einer Dönerbude. Es gab ein Renaissance-Schloss, das früher mal ein Hofcafé hatte. Es gab einen am Radweg ausgeschilderten Gasthof, der geschlossen war, obwohl er eigentlich hätte offen sein müssen. Es gab zwei Hotels mit einer Telefonnummer an der Tür bei der niemand abhob. Wer in Gastronomie/Hotelgewerbe macht, muss sich was einfallen lassen und präsent sein, dann überlebt er auch.
      Das eigentliche Problem ist nicht, dass da kein Hotel mehr offen hat, sondern dass alle in die Großstadt streben. Wenn da niemand mehr wohnt, lohnt sich auch die Kneipe nicht. Wenn aber die Anwohner selbst beklagen, dass man nirgendwo mehr hingehen kann, dann liegt es wohl doch eher daran, dass niemand so einen Gasthof betreiben will. Und wenn die jungen Leute sich im eigenen Ort langweilen, dann ziehen die auch nach Köln, Berlin oder München. Köln, selbst in seinen hässlichsten Ecken, ist absolut dicht. Sogar Rath-Heumar ist dicht. Und anderswo veröden die Städte.

      • Ich weiss auch nicht so genau, woran es liegt. Vielleicht gibt es keine qualifizierten Arbeitsplätze in diesen Kleinstädten?

      • Bibo59 sagt:

        Aber es gibt auch Arbeitsplätze, und keine qualifizierten Leute. Passend dazu kam auf Facebook eine Anzeige des bergischen Jobanzeigers: https://www.bergischer-jobanzeiger.de Es werden also durchaus qualifizierte Leute gesucht. Mein oberer Mieter fährt Richtung Gummersbach zur Arbeit. Aber je weniger Leute in einem Ort wohnen, um so schwerer wird es zum Beispiel einen Laden zu halten.
        NRW geht ja inzwischen schon den richtigen Schritt, jungen Leuten den NC zu erlassen, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium für 10 Jahre als Landärzte tätig zu werden.

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