Mietersuche

Die Nachbarin, die mir voriges Jahr ihre Schwester andrehen wollte, stand in der Garagentür und wollte wissen, warum ich die nicht genommen habe.
Ja, es gab Gründe.

Tatsächlich, nachdem ich nun beide Seiten kenne, finde ich es sehr viel nervenaufreibender, Mieter zu suchen, als eine Wohnung zu suchen.

Aus Schnelsen: 45 qm 2ZiKDB, 980 DM konnte ich herauslesen:

  1. Ich kann mir das leisten
  2. Die Größe könnte passen
  3. Die Entfernung zum Hauptarbeitgeber ist ok

Bei der Besichtigung konnte ich dann feststellen:

  1. Ist mir die Wohnung sympathisch oder falle ich gleich rückwärts aus der Tür?
  2. Passen meine Möbel rein?

Und wenn das alles stimmte, habe ich nicht lange überlegt, und gleich Nägel mit Köpfen gemacht.

Als Vermieterin sortiere ich auf dem Immobilienportal:

  1. Können die sich das leisten?
  2. Passt die Personenzahl zum Schnitt der Wohnung?
  3. Gibt es ein persönliches Anschreiben?
  4. Bei der Besichtigung: Sind mir die Leute sympathisch oder falle ich gleich rückwärts aus der Tür?

Also eigentlich das gleiche, nur andersrum. Passt eine dieser Voraussetzungen nicht, außer dem persönlichen Anschreiben, wird das nichts mit der Wohnung.

Warum ist das nun nervenaufreibender?
Finanzschwache Mieter können mir auch finanziell das Rückgrat brechen. Da muss ich also aufpassen.
Die Mieter sollen möglichst zu mir und den anderen Mietern passen, um ein konfliktfreies Zusammenleben zu gewährleisten. Dazu möchte ich alle zukünftigen Bewohner kennen lernen, also auch Kind und Hund. Der liebe, brave Hund, der nicht zur Besichtigung mitgebracht wird, mag sich im Nachhinein als nervtötender Kläffer erweisen, oder gar verdoppeln. Das Kind, das bei der Besichtigung nicht zugegen ist, kann, wie bereits geschehen, im Nachhinein sein Veto einlegen oder sich als nicht erzogener Schreihals erweisen.
Wer mich kennt, bezeichnet mich gerne als Telefonmuffel. Wenn ständig das Telefon rappelt, bekomme ich nervöse Zuckungen.
Es gibt aber immer ganz schlaue Kandidaten, die das Internet-Portal umgehen und direkt anrufen. Meistens stimmt dann schon Voraussetzung 1 oder 2 oder beide nicht und ich muss mühsam erfragen, was ich im Internet auf einen Blick erfassen könnte. Manche lassen sich auch telefonisch nicht abwimmeln und ich mag auch nicht gerne abwimmeln.
Wer am Telefon sympathisch klang, konnte trotz Bedenken gucken kommen. Denen muss ich aber auch telefonisch wieder absagen.

Aber ich muss sagen, dass bei der diesjährigen Auswahl die meisten sehr nett waren und es gab andere Gründe auf Vermieter- oder Mieterseite, dass es nicht ganz passt. Es gab sogar tolle Gespräche mit Leuten, die es nun doch nicht geworden sind.

  • Die junge Tierärztin mit eigenem Kleintier-Zoo hätte ich wohl genommen, aber sie hat eingesehen, dass sie es sich (noch) nicht leisten kann.
  • Eine Frau rief gefühlt alle zwei Stunden an um zu fragen, ob die Wohnung noch frei ist.
  • Bei drei Hunden und acht Katzen, davon fünf Freigängern muss ich bei aller Tierliebe passen. Das würde den Rahmen von Haus und Garten sprengen.
  • Bei zwei Parteien knallte mir die Schufa ins Gesicht.
  • Zwei polnische Handwerkerbuben brachten als Verdienstnachweis zwei ganz frische Gewerbescheine und ein paar Angebote.
  • Eine sehr nette Frau mit sehr nettem Hund hatte Probleme mit meiner engen Treppe, ein anderes Paar mit dem Fluglärm.
  • Ein schwangeres Paar verließ fluchtartig das Haus, als bei Starkregen das Wasser immer höher stieg.
  • Bei einem Paar war sie enthusiastisch „Schön! Schöön! Schööön!“ und er eher teilnahmslos, bei einem anderen war es genau umgekehrt.
  • Einer wollte im Abstellraum ein Gästeklo einbauen. Ich aber nicht.
  • Nach der Sintflut am Dienstag hat es im Garten und Hof kleine Frösche und Kröten geregnet, was aus den folgenden Besichtigungen eine lustige Froschjagd machte und für eine lockere Atmosphäre sorgte. „Passen Sie auf, wo sie hintreten!“ „Oh wie süß!“

Ich selbst habe zu dem Haus kein neutrales Verhältnis und stellte fest, dass Dinge, bei denen ich grüne Pickel bekomme, von poteziellen Mietern mit ganz anderen Augen gesehen, kreativ, hilfreich und pragmatisch angegangen werden.

  • Mehrere mochten die Küche im Gelsenkircher Barock.
  • In zwei Türen hat der Vormieter große Löcher hinterlassen und mit irgendeiner Folie überklebt. Macht nichts, die kann man reparieren, erstmal so lassen oder neu beziehen.
  • An der Stelle, an denen das Laminat noch nicht fertig verlegt ist. Kam mehreren die Erkenntnis, dass abgeschliffene Holzbalken doch viel schöner sind. Finde ich auch!
  • Im Keller gibt es eine feuchte Stelle, muss ich unbedingt machen lassen, und ich stellte noch Vermutungen über die Ursache an.
    Die Reaktionen reichten von „Iiiiiek!“ über „Naja, ist halt’n Keller“, „Nicht so schlimm“ bis „Liegt da das Fallrohr hinter?“ „Hä?“ Die Dame war vom Fach. Nachgeschaut: Da liegt tatsächlich das Fallrohr hinter.  Ich bekam sogleich eine kostenlose Beratung: Entweder das Rohr ist verstopft oder gebrochen und was man da machen kann und sollte. Ich hätte sie knutschen können. Leider bekommt sie die Wohnung nicht, wegen der tierischen Überbelegung, aber immerhin einen Auftrag, vorausgesetzt, sie meldet sich noch mal. Rohrbruch zahlt auch die Versicherung und ich hatte auf Staunässe oder schlechte Lüftung getippt.

Und dann standen sie vor der Tür: Das schwangere Paar J. und T. mit Hund M.
„Ist der süß!“
„Wir haben überhaupt kein Auto.“ – „Toll, ich auch nicht, und dann können Sie sich ja auch die Wohnung leisten.“
„Vielleicht kann ich die Holzbalken abschleifen.“
„Hier würde ich am liebsten gleich einziehen!“– „Können Sie machen, aber ich lasse Ihnen doch besser etwas Vorlauf um sich einzurichten.“
„Wir machen hier nur so wenig Müll, wenn sie dann viele Windeln haben…“ (brauchen wir eine größere Tonne, wollte ich sagen) „Wir wollten sowieso Müll reduzieren und Stoffwindeln nehmen.“

Ich glaube, die sind gekommen um zu bleiben.

Dachte ich. Aber dann, als sie den Mietvertrag unterschreiben wollten, kam der Papa mit, schlich schweigend durch die Räume, knibbelte an den Türbalken, leuchtete mit der Taschenlampe in die Ecken, und fand schließlich die feuchte Wand im Keller. Behauptete, das wäre total verschimmelt und gesundheitsschädlich. Fazit: erstmal nicht unterschrieben, bis der Bausachverständige, den ich bestellt habe, da durch ist.

Ich habe einen Wasserschaden im Keller. Wenn ich Glück habe, ist es ein Rohrbruch im Fallrohr, dann zahlt die Versicherung. Wenn ich Pech habe, kommt er von den ständigen Überschwemmungen, weil das Regenwasser nicht vernünftig abläuft. Wer zahlt dann? Die Stadt?

 

 

 

 

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selektive Unaufmerksamkeit

Eigentlich wollte ich ja schöne Bilder aus Hamburg bloggen, aber:P1000359

Manche wussten es schon: Der Hausmieter ist zahlungsunfähig und hat Hals über Kopf in die Türkei rüber gemacht. Na toll!
Immerhin gut, dass er schnell und schmerzlos verschwunden ist und nicht einfach weiter gewohnt hat, ohne Miete zu zahlen. (Natürlich hat er auch sein kleines, persönliches Schlachtfeld hinterlassen, aber naja, geht noch.)
Also ging es jetzt wieder los mit Exposé aktualisieren, online stellen, Anfragen sichten, telefonieren, besichtigen…
Und da frage ich mich: Warum schreibe ich eigentlich ein ausführliches Exposé, wenn es doch keiner liest?
Im Exposé nämlich steht klar und deutlich:

 Wegen der Raumaufteilung (Durchgangszimmer) im Dachgeschoss eignet sich das Objekt für eine Einzelperson oder ein Paar mit einem kleinen Kind.
Es eignet sich nicht für WG, mehrere Kinder oder erwachsene Kinder.
Es ist nicht behindertengerecht.

Aber nee, da kommen Anfragen von Leuten mit erwachsenen Kindern, oder mehreren Kindern und last not least die Frau, die mir eine nette, fünfköpfige Flüchtlingsfamilie aufschwatzen will und am Telefon einfach über mich („Ist schon versprochen“… „keine fünf Personen“) hinweg quatscht. Bis ich zur bissigen Bibo mutiere und frage ob sie meine Informationen geistig weiterverarbeitet hat. (Ich kenne mich gar nicht so)
Nein, da passen keine fünf, keine vier, sondern nur 2 1/2 Personen rein. Weil ich da aufgewachsen bin, kann ich ja wohl realistisch beurteilen, was da reinpasst und was nicht.
Versprochen war es tatsächlich schon. Gegen meine Bedenken an eine Familie mit einer 18jährigen Tochter. Weil der Papa mir gezeigt hat, wie er das machen will, dass die Tochter doch reinpasst. Klang logisch, die waren auch nett und bekamen den Zuschlag. Heute früh standen sie dann mit der Tochter vor der Tür und einem Zollstock um dann erst festzustellen, dass die hochwertigen Boxspringbetten es wohl nicht die Treppe hoch schaffen und die Tochter auch keinen Bock auf das Haus hat.
Und ich sag‘ noch: „Nicht für erwachsene Kinder geeignet.“ Aber nee, erstmal fest zusagen und dann erst feststellen: „Tatsächlich nicht für erwachsene Kinder geeignet.“
Offensichtlich ist bei vielen Leuten das Suchschema: Bilder gucken,  haben wollen, anklicken. Das ist Zeitverschwendung für alle Beteiligten.
Gut, dass ich die Anzeige noch nicht gelöscht habe. Es gibt noch hoffnungsvolle Kandidaten, die können aber in der Woche nur abends besichtigen.
Wünscht mir Glück und nette Mieter
P1000379

Die Fotos sind tatsächlich aus Hamburg.